“Ich kann nicht lernen, wenn du mir keinen Lernplan schreibst”
Wie viel Verantwortung kann ein Kind übernehmen, das mehr Unterstützung braucht?
Bei meinem Kind steht mal wieder eine Mathearbeit an.
“Hilfst du mir, einen Lernplan zu schreiben?”, fragt es mich.
Ich zögere.
Natürlich unterstütze ich beim Lernen. Schon allein wegen der ADHS.
Nur habe ich in den letzten Wochen und Monaten so viele Lernpläne geschrieben, dass ich sie kaum noch zählen kann. Vor allem aber habe ich meinem Kind jedes einzelne Mal erklärt, wie es sich auf eine Klassenarbeit vorbereitet. Und es mit ihm geübt.
Offenbar waren meine Anstrengungen nicht von Erfolg gekrönt.
Mein Kind bemerkt mein Zögern und legt nach: “Ich kann nicht lernen, wenn du mir keinen Lernplan schreibst.”
Ein Satz, ein Dilemma. Ein Dilemma, das mich umtreibt. Es geht um Verantwortung und um Hilflosigkeit. Erlernte Hilflosigkeit, die auch ein bisschen kultiviert wird. Weil sie einen Ausweg eröffnet aus der Verantwortung, vor allem, wenn es doch mal schiefgeht.
Das Dilemma reicht viel weiter als nur bis zur nächsten Mathearbeit. In Wahrheit geht es um die Frage, wie viel Verantwortung ich übernehmen muss als Mutter eines Kindes, das mehr Unterstützung braucht, aber auch große Begabungen und Talente hat.
Schließlich ist das mit der Unterstützung eine zweischneidige Sache: Es ist notwendig, dass ich meinem Kind eine Struktur und einen Rahmen gebe, wo sonst zu viel Durcheinander und Sprunghaftigkeit herrschen würden.
Gleichzeitig taucht da manchmal unwillkürlich ein Bild in meinem Kopf auf – quasi ein Schnappschuss aus der Zukunft. Ich sehe mich in einigen Jahren für die Abiturprüfung lernen; zum zweiten Mal. Ich sehe mich Bewerbungen schreiben oder ein Studienfach auswählen und zur Einschreibung gehen. Ich sehe mich mit zum Bewerbungsgespräch gehen. Und über die Frage nachdenken: Wer tritt am ersten Tag eigentlich den Job an? Ich oder mein Kind?
Um eins klarzustellen: Ich bin keine Helikoptermutter. Diese Zukunftsvisionen sind keine Wunschfantasien. Es sind Szenarien, die mir aufgedrängt werden. Durch einen Satz, der mit “Ich kann ja nicht, wenn du nicht …” beginnt.
Bin ich es meinem Kind schuldig, sein Leben teilweise mitzuleben, damit alles gut geht – weil es mehr Unterstützung braucht? Und wer kümmert sich in der Zwischenzeit um mein Leben?
Natürlich ist es mir wichtig, dass mein Kind glücklich ist. Dass sein Leben gelingt – wie auch immer es aussehen wird. Die Voraussetzung dafür, davon bin ich überzeugt, ist nun mal, Verantwortung zu übernehmen. Deshalb halte ich es für falsch, wenn diese Verantwortung zu einseitig in meinem Spielfeld liegt.
Doch so oft und so weit ich sie auch ins andere Feld schleudere, sie kommt immer wieder wie ein Bumerang zu mir zurück. Jedes Mal trifft er mich am Kopf.
Dabei sehe ich die Sache mit dem Lernplan ganz pragmatisch. Es gibt drei Optionen. Die erste: Ich schreibe ihn. Dann schafft mein Kind vielleicht die Mathearbeit, bleibt aber abhängig, und die Bilder in meinem Kopf nehmen noch mehr Farbe an.
Option zwei: Mein Kind schreibt den Lernplan. Dann ist es sehr gut möglich, dass es trotz seiner Begabungen scheitert. In der Mathearbeit, aber weil Misserfolg eine bestätigende Kraft haben kann, womöglich darüber hinaus.
Bleibt die dritte Option: Wir schreiben ihn zusammen. Vordergründig klingt das nach einer klugen Idee, und ich bin mir sicher, wenn ich jemanden fragen würde, der sich damit auskennt, würde mir dieser Weg empfohlen.
Was bei diesen klugen Vorschlägen aber häufig außer Acht gelassen wird: Sie kosten Zeit, und sie kosten Kraft. Sie sind mit Diskussionen verbunden, die etwas Simples wie einen Lernplan schreiben in die Länge ziehen können wie einen Kaugummi, der längst seinen Geschmack verloren hat. Am Ende fühlt man sich genauso ausgelutscht.
Weil der Moment einfach nie kommt, in dem es Klick macht. Und das Kind es ab jetzt alleine kann.
Ich höre Expertinnen sagen, ein Kind mit ADHS braucht nicht hundert, sondern tausend Aufforderungen, bevor es etwas umsetzen kann. Wer aber schafft es, die tausend Aufforderungen auszusprechen? Für jede Aufgabe, die ein Kind an einem Tag so hat?
Wie viel Kraft muss ich aufbringen als Mutter, deren Kind mehr Unterstützung braucht? In meinem speziellen Fall als Mutter, deren zweites Kind pflegebedürftig ist?
Eine Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt.
Wenn ich ehrlich bin, ist da manchmal auch Wut, dass mein Kind einfach nicht tut, was andere Zwölfjährige selbstverständlich tun, zumindest in meiner Vorstellung. Ein bisschen kommt die Wut auch daher, dass ich all das in seinem Alter auch tun musste, obwohl ich nicht immer Lust darauf hatte.
Dann wieder weiß ich: Mein Kind kann nichts für seine ADHS. Wie sieht Unterstützung aus, die ihm hilft, ohne für mich zum Bumerang zu werden?
Ich habe keine Antwort.
Heute aber beschließe ich, keinen Lernplan zu schreiben. Dafür spreche ich viele der tausend Aufforderungen aus. Mein Kind rechnet irgendwann selbstständig ein paar Aufgaben. Natürlich nur unter Protest.
Die Mathearbeit wird kein Hit, das ist uns beiden klar. Muss sie auch nicht.
Aber wir beide haben uns angestrengt, so gut wir konnten. Mein Kind, weil es seine Verantwortung ist. Und ich, weil es mein Kind ist.
Der Bumerang ist über beide Spielfelder geflogen. Ruckelig und im Zickzackkurs, aber immerhin hat er niemanden am Kopf getroffen.
Vielleicht ist das schon alles, was am Ende zählt.
Trifft dich der Bumerang auch immer wieder am Kopf?
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