Der Mützenklauer

Eine Liebeserklärung an die wunderbar weisen Kinder hinter der Schulbustür

Jeden Morgen ziehe ich die Schulbustür auf. Helfe meinem Sohn auf seinen Platz und schnalle ihn an. Es sind nur wenige Handgriffe, aber sie schenken mir wertvolle Augenblicke, in denen ich eintauchen darf in eine andere Welt. 

In dieser anderen Welt spielen die kleinen Dinge eine große Rolle: dass gerade ein Hund vorbeiläuft. Dass am Nachmittag die Oma kommt.

Die neuen Schuhe begeistern, weil sie gestern mit der Mama gekauft wurden. Ob eine Marke draufsteht, ist nicht von Belang.

 

Die Kinder, die ich jeden Tag in dieser anderen Welt treffe, haben alle eine Diagnose: geistig behindert. Ein Stempel, der ihnen bescheinigt, dass sie es nicht schaffen werden: ein erfolgreiches Leben zu führen.

Für mich ist es jeden Morgen eine besondere Freude, ihnen zu begegnen. Mich von ihrer Welt berühren zu lassen. Einer Welt, in der nicht Abschlüsse und Leistungsstärke zählen.

Mich berührt die Herzlichkeit und Fröhlichkeit in dieser Welt. Vor allem aber die unverblümte Ehrlichkeit dieser Kinder. Direkt heraus sagen sie, was ihnen gerade durch den Kopf geht. Oft sind es lustige Gedanken. Überhaupt wird viel gelacht. Und nie sind sie in Eile.

 

“Der Markus hat schon wieder meine Mütze geklaut!” Mit diesen Worten begrüßt mich Timo heute. Jeden Tag wechseln wir ein paar Worte. Markus stimmt lauten Gesang an und schwenkt dabei triumphierend die erbeutete Mütze. Aber auch Timo lacht. Er schlägt sich die Hände vors Gesicht: “Oh Mann, der Markus ist ein Mützenklauer!”

Diese Kinder können etwas, das nur sehr wenige Menschen wirklich beherrschen: Sie sind einfach im Moment. Markus ist ein Mützenklauer. Na und?! Timo will morgen nicht mehr neben ihm sitzen, aber trotzdem darf Markus der sein, der er ist. Er ist willkommen, auch wenn er anderen die Mützen vom Kopf zieht.

Wie verblüffend einfach es doch ist, sich nicht über jede Kleinigkeit zu empören. Und aus dieser Empörung nicht mehr rauszukommen. 

 

Noch etwas ist anders in der Schulbuswelt: Es wird nicht bewertet. Es werden keine Urteile gefällt. Timo hat fast jeden Tag ein anderes Stofftier dabei. 

Rosalie lacht über die Scherze der Jungs. 

Und Markus klaut eben Mützen. 

 

Niemand lacht Timo aus, weil Vierzehnjährige eigentlich keine Stofftiere mehr haben.

Rosalie ist nicht uncool, weil sie über schlechte Witze lacht.

Und Markus? Der ist halt der Markus.

Abbildung des Zitats: "Wie gut bin ich darin, einfach nur festzustellen, dass jemand ein Mützenklauer ist - und ihn trotzdem willkommen zu heißen?"

“Beeil dich mal,” fordert mich Timo auf. “Ich friere.”

Es ist eisigkalt heute, und die Tür steht offen, während ich den Anschnallgurt suche.

Ich mache schnell. “Ui, das ging ja wirklich fix”, sagt Timo, als der Gurt sitzt und ich mich verabschiede und die Tür schließen will.

Mein Sohn will noch einen Kuss. Auch Markus tippt auf seine Wange und strahlt mich erwartungsvoll an.

 

Auf einmal habe ich den Wunsch, einzusteigen und mitzufahren. Mit diesen Kindern eine weite Fahrt zu machen. Mich von ihrer Fröhlichkeit anstecken zu lassen. Da ist so viel, das ich gerne von ihnen lernen möchte.

Zum Beispiel so ganz bei sich zu sein und genau zu wissen, was man gerade braucht.

Auszusprechen, was blöd ist und sich dann einfach einem angenehmeren Thema zuwenden. Der Markus ärgert schon wieder. Aber schau, es hat geschneit!

 

Ich drücke meinem Kind einen Kuss auf die Wange und forme mit meinen Händen ein Herz in Richtung Markus. Er tut dasselbe. Es ist unser kleines Ritual.

 

Der Bus fährt los, und ich blicke ihm noch einen Moment nach. Will noch nicht zurück in meine Welt. In der der frisch gefallene Schnee kein Anlass zur Freude ist. Sondern bloß lästig für den Berufsverkehr.

 

Auf einmal frage ich mich: Warum halten wir diese Kinder eigentlich für “behindert”?

Gewiss können nur einige von ihnen lesen und rechnen. Manche nicht einmal sprechen.

Aber oft habe ich das Gefühl, sie wissen so viel, das wir nicht wissen.

Zum Beispiel darüber, wie man zufrieden und glücklich lebt.

 

Ich denke darüber nach, wann es mir das letzte Mal gelungen ist, etwas nur zu beobachten, ohne gleich eine Bewertung hinterherzuschieben.

Wie gut bin ich darin, einfach nur festzustellen, dass jemand ein Mützenklauer ist – und ihn trotzdem willkommen zu heißen?

Wann habe ich so klar ausgesprochen, was ich mir gerade wünsche? Und den Wunsch direkt an die Person weitergegeben, die ihn mir erfüllen kann?

 

Der Schulbus ist um die Ecke gebogen und nicht mehr zu sehen. Ich schließe meine Jacke bis ganz oben, es ist wirklich kalt heute. Trotzdem halte ich noch einen Moment inne. 

Versuche, die Rückkehr in meine Welt hinauszuzögern.

 

Heute nachmittag, wenn mein Sohn nach Hause kommt, darf ich sie wieder öffnen: die Tür zur Schulbuswelt.

Ich freue mich darauf.

Mitfahrgelegenheit gesucht?

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