Gut schlafen ohne Gedankenkarussell

Warum wir nachts wachliegen und Abhilfe nicht auf Instagram finden, sondern ganz woanders

Nicht einschlafen können oder nachts wachliegen: Viele Mütter, die rund um die Uhr besonders belastet sind, kennen sich aus mit Schlafproblemen. Warum Insta-Hacks nicht weiterhelfen und welche verblüffend wirkungsvollen Schlaftipps uns die alten Griechen geben, davon erzählt dieser Artikel.

2:45 Uhr ist meine Zeit. Ich schlage die Augen auf und bin hellwach. Mein Gehirn arbeitet auf Hochtouren und die Gedanken rasen.

Schaffe ich es vor der Logopädie noch einzukaufen?

Wann gehe ich diese Woche zum Sport?

Und was ist, wenn die laufende Nase meines Kindes sich zu einem echten Infekt ausweitet? Wie organisiere ich dann Arbeit, Betreuung und Arzttermine?

Wenn ich nicht aufpasse, geht das so, bis der Wecker klingelt. Irgendwann fange ich an, mich darüber zu ärgern, dass ich nicht schlafe und am nächsten Tag bestimmt erschöpft sein werde. Das Ergebnis: Ich liege erst recht wach.

Schlafprobleme bei Müttern von Kindern mit Behinderung

Ich weiß, dass ich mit meinen Schlafproblemen nicht allein bin. Sehr viele Menschen leiden darunter – bis hin zu massiven Schlafstörungen. Nicht einschlafen können, nachts aufwachen und den Gedanken beim Kreisen zuschauen – oder aber von wilden Träumen durch die Nacht gejagt werden und am nächsten Morgen trotz Schlaf völlig gerädert sein.

Was ich besonders gemein daran finde: Als Mutter eines Kindes mit Behinderung stehen jeden Tag extra Aufgaben und Termine auf meinem Zettel. Von wirklich anstrengenden Alltagsmomenten mal ganz abgesehen. 

Ich brauche meinen Schlaf also, wie ich ihn noch nie zuvor gebraucht habe. Früher, als ich das mit der Erholung lockerer sehen konnte, habe ich … genau: einfach geschlafen.

Meine heutigen Umstände erfordern einerseits ein höheres Maß an Erholung. Gleichzeitig sorgen sie dafür, dass ich nachts wach liege. Eine weitere Lücke zwischen Bedürfnis und Realität und ein echter Teufelskreis.

Zitat: “Es ist eine erdrückende Allzuständigkeit, die rund um die Uhr auf uns Müttern lastet. Und uns bis in den Schlaf verfolgt.”

Göttliche Zwillingsbrüder vs. moderne Wissenschaft

Immer wieder finde ich es faszinierend, wie viel heute dank moderner Wissenschaft über den Schlaf bekannt ist. Wir kennen einzelne Schlafphasen und wissen, was da jeweils in unserem Gehirn passiert. Und wir können sagen, welche Prozesse während des Schlafens in Körper und Gehirn ablaufen.

Eigentlich erstaunlich, dass dieses Wissen nicht dazu führt, dass wir nachts besser schlafen. Eher im Gegenteil.

Im antiken Griechenland war wenig von alldem bekannt. Die Menschen hatten damals ihre Götter, um sich zu erklären, was sonst unerklärlich geblieben wäre.

Hypnos zum Beispiel war der Gott, der für den Schlaf zuständig war. Er wohnte in einer Höhle in der Unterwelt. Durch diese Höhle floss Lethe, der Fluss des Vergessens. Hypnos’ Höhle war gut geschützt vor grellem Licht und Lärm von draußen und umgeben von Nebel und Dunkelheit. Am Höhleneingang wuchsen Kräuter und Pflanzen mit schlaffördernder Wirkung.

Der Gott des Schlafes, das ist beruhigend zu wissen, war den Menschen wohlgesinnt und bereit, ihnen zu helfen. Dafür jedoch verlangte er, die Hälfte ihres Lebens zu besitzen

Fun fact: Hypnos hatte einen Zwillingsbruder. Er hieß Thanatos und war der Gott des Todes. Ich kenne Nächte, die sich danach anfühlen, als sei er am Werk gewesen.

Schlaftipps von der KI

Ich weiß nicht, ob die alten Griechen genauso unter Schlafproblemen litten wie wir heute. Vermutlich ist das nicht überliefert. Auf jeden Fall kann ich mir vorstellen, dass sie ein wesentlich gemütlicheres Lebenstempo hatten. Das wiederum hat sich bestimmt positiv auf ihren Schlaf ausgewirkt.

Heute ist das anders: Eigentlich ist doch nie genug Zeit, gefühlt sind wir immer in Eile. Es reicht, dass der Verkehr anfängt zu stocken, und schon steigt der Stresspegel. Meistens packen wir viel zu viel in einen Tag, und dann hetzen wir hindurch, um alles zu schaffen.

Dabei sind wir – dank Social Media und ChatGPT – immer informiert und auf neuestem Stand. Etwa 50-80 Mal entsperren wir unser Smartphone am Tag, häufig ohne konkreten Grund, sondern aus der diffusen Sorge heraus, etwas zu verpassen. ChatGPT gibt uns Antworten auf Fragen, die wir früher mit unserer besten Freundin besprochen hätten.

Zitat: “Wir wissen heute so viel über den Schlaf. Erstaunlich nur, dass das nicht dazu führt, dass wir nachts besser schlafen.”

Vor allem aber versorgen uns Insta, KI & Co. mit schnellen Hacks – zum Beispiel dazu, wie wir besser schlafen. Während wir dann die 10 Tipps für den perfekten Schlaf konsumieren, führt uns unser Feed vor, wie vital, produktiv und schön andere sind, die ihre perfekt inszenierte Welt freundlicherweise mit uns teilen.

Das hilft dann auch nicht unbedingt dabei, nachts besser zu schlafen.

Was vor allem Müttern den Schlaf raubt

Zusätzlich zu diesen schlafraubenden Faktoren kommt speziell bei Müttern noch etwas anderes hinzu: Viele von ihnen fühlen sich erdrückt von der Last der Verantwortung, die überwiegend auf ihren Schultern liegt. Wenn ihre Kinder keine „Selbstläufer“ sind, sondern mehr Unterstützung brauchen, wiegt diese Last gleich doppelt schwer.

Der SPZ-Termin, die Therapie-Hausaufgaben, das Kostüm für die Schulaufführung – es ist eine Allzuständigkeit, die rund um die Uhr auf uns lastet. Und uns bis in den Schlaf verfolgt.

Selbst wenn wir Partner an unserer Seite haben, die ihren Teil der Verantwortung tragen, liegt die Hauptlast – daran gibt es nichts zu rütteln – bei uns Müttern. Mit allen Konsequenzen: gesundheitlich, beruflich, finanziell; und eben auch, was den Schlaf angeht.

Auswege aus der Allzuständigkeit

Zwar mag es für heutige Verhältnisse ein wenig bizarr erscheinen, dass die Menschen im antiken Griechenland sich die Welt mit Hilfe der Götter erklärt haben. Dabei ist das eigentlich Erstaunliche, dass ihnen die wichtigsten Faktoren, die zu einem guten Schlaf führen, durchaus bekannt waren. Und das ganz ohne Insta-Feed.

Bemerkenswert finde ich zum Beispiel ihre Vorstellung, dass Hypnos die Hälfte des Lebens der Menschen “besitzt”. Wahrscheinlich interpretiere ich da ein bisschen viel hinein, wenn ich mir vorstelle, dass er sich für diese Hälfte auch zuständig fühlte. Also den Menschen die Hälfte ihrer Belastung abnahm.

Zitat: “Während wir auf Insta die 10 besten Hacks für den perfekten Schlaf konsumieren, bewirken wir vor allem eins: dass wir nicht schlafen.”

Das wäre genau das Gegenteil einer erdrückenden Allzuständigkeit.

Es muss ja nicht gleich ein Gott sein, der einem unter die Arme greift. Mehr irdische Hilfe würde schon ausreichen. Oder wenn das wegen Personalmangel nicht geht, dann doch bitte zumindest weniger Druck, weniger Leistungserwartungen, weniger „Üben Sie das doch bitte täglich mit Ihrem Kind!“

Der Fluss des Vergessens

Noch ein Gedanke aus der antiken Götterwelt erscheint mir spontan schlaffördernder als so mancher Instagram-Hack: die Vorstellung, dass es einen Fluss des Vergessens gibt.

Ein sanfter, ruhig dahinfließender Strom, der kurz bevor wir einschlafen, all unsere Sorgen und Gedanken mit sich fortträgt

Es ist ein schönes Bild, beinahe tröstlich. Ich stelle mir vor, wie die Menschen früher vor dem Einschlafen all ihre Sorgen und Probleme an Lethe übergeben haben. Und am nächsten Morgen frisch erholt erwachten und genug Energie hatten, um ihre Probleme wieder in Empfang zu nehmen.

Jetzt ist mal Ruhe! Das Gedankenkarussell endlich anhalten

Nach jeder halb durchwachten Nacht weiß ich eins: Moderne Tipps und Hacks helfen nicht. Sie sind schlecht haftende Pflaster auf Symptomen. 

Ich schlafe nicht schlecht, weil ich das Handy abends zu spät aus der Hand gelegt habe. Sondern weil es so schwerfällt, der Allzuständigkeit zu entkommen.

Zitat: “Wie schön ist der Gedanke, die Allzuständigkeit nachts in den Fluss des Vergessens zu werfen.”

In der Nacht erscheinen Sorgen und Ängste besonders groß. Erst im Licht des neuen Tages nehmen sie wieder Normalgestalt an. Ein Grund mehr, vor dem Einschlafen alle Gedanken an Kinderkrankheiten und Logopädietermine in den Fluss des Vergessens zu werfen.

Damit um 2:45 Uhr nicht das Gedankenkarussell losfährt. Sondern einfach mal Ruhe ist.

Nach dem Aufwachen werden alle Sorgen und Probleme wieder zurück an unser Ufer gespült. Spätestens beim Frühstück haben sie schon an unserem Tisch Platz genommen. 

Darauf können wir uns verlassen.

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