Mental Load - die unsichtbare Last

Warum sie Mütter von Kindern mit Behinderung besonders trifft und was du dagegen tun kannst

Mental Load ist die unsichtbare Denkarbeit, die damit einhergeht, ein Familienleben zu organisieren. Für Mütter, deren Kinder eine Behinderung haben, ist die mentale Last besonders hoch. Womit das zusammenhängt und was du dagegen tun kannst, erfährst du in diesem Artikel.

Vor kurzem hatte ich einen Traum: Ich träumte, ich hätte vergessen, meinem Sohn seine Brotzeit für die Schule vorzubereiten. Kurz bevor morgens der Schulbus anrief, fiel es mir auf. Hektisch riss ich sämtliche Küchenschränke auf, nur um festzustellen, dass sie leer waren. Kein Brot und nichts, was ich ihm hätte mitgeben können.

Meine Lösung – und ich mag sie sehr, weil sie genauso absurd ist wie der ganze Traum: Ich fing an zu kochen. Als ich endlich damit fertig war, war der Schulbus natürlich längst abgefahren. 

Mein Kind hatte nun eine lecker dampfende Brotzeit und ich ein Betreuungsproblem.

Als Hobby-Psychologin komme ich schnell darauf, was hinter meinem Traum steckt: die unzähligen kleinen und großen Aufgaben und Dinge, an die ich täglich denken muss, die für den Gedankenstrom verantwortlich sind, der rund um die Uhr durch meinen Kopf zieht.

Dieser Gedankenstrom nennt sich Mental Load.

Mental Load: die unsichtbare mentale Last von Frauen

Mental Load ist die unsichtbare mentale Last, die damit einhergeht, ein Familienleben zu organisieren. Die neue Verordnung für die Logopädie, das Nachhaken bei der Pflegekasse, die sich auf einen Antrag hin nicht meldet, die Vorbereitungen, die getroffen werden müssen, damit ein Kind mit Weglauftendenz am Klassenausflug teilnehmen kann.

Zitatkärtchen: “Mental Load ist Arbeit. Für Mütter, deren Kinder eine Behinderung haben, nicht selten ein Vollzeitjob zusätzlich zu allen anderen Verpflichtungen.”

Mental Load ist nicht nur eine Sammlung von Banalitäten, an die man noch schnell denken muss und die man nebenbei erledigt. Mental Load ist Arbeit

Diese Arbeit, das belegen Studien, betrifft vor allem Frauen. Einen Fortschritt gibt es allerdings: Indem für diese unsichtbare Denkarbeit ein Begriff gefunden wurde, ist sie in die Sichtbarkeit gerückt. Das ist gesellschaftlich wichtig, weil sich nur so etwas verändern lässt, es ist aber auch wichtig gerade für Mütter wie dich und mich.

Denn es beweist: Es ist nicht unser Versagen, überlastet und erschöpft zu sein. Neben der Erwerbsarbeit haben wir noch einen zweiten Vollzeitjob – ich finde, da darf man schon mal müde werden.

Warum Mental Load Mütter von Kindern mit Behinderung besonders trifft

Ein wunderbarer Rat, den Mütter, die kurz vor der Verausgabung stehen, häufig bekommen, ist: “Stress dich doch nicht so. Dann mach es doch einfach mal nicht!”

Was es ganz generell für ein pflegebedürftiges Kind bedeutet, wenn seine Mutter sich einfach mal nicht so reinstresst, kann man sich vorstellen. Allein deshalb schon ist der Rat völlig absurd.

Er ist es aber auch aus einem weiteren Grund: Wir leben in einer Gesellschaft, die extrem stark durch Leistungsdenken geprägt ist. Einen hohen sozialen Status haben Menschen, die übermäßig viel arbeiten und sichtbare Erfolge vorweisen können. Wer anerkannt werden und dazugehören will, muss seinen Wert für die Gemeinschaft immer wieder neu unter Beweis stellen.

Dem Leistungsanspruch nicht gerecht zu werden ist oft mit Scham verbunden. Es ist ein Zeichen dafür, gescheitert zu sein.

Ein Kind mit Behinderung zu haben bringt viele Schamerlebnisse mit sich. Betroffene Mütter sind verletzlicher, denn sie sind abhängiger von anderen. Die große Verantwortung können sie kaum allein tragen. Und oft fühlen sie sich wie Bittsteller. 

Für sie ist Mental Load ein innerer Antreiber: um dazuzugehören und um Beschämung zu vermeiden.

Sind Frauen einfach zu perfektionistisch?

Dass ihr Empfinden völlig richtig ist, belegt die Studie einer US-Soziologin. Sie ging der Frage nach, warum Frauen in Beziehungen mehr Care-Arbeit leisten als Männer.

Probanden wurden Fotos einer aufgeräumten und einer unordentlichen Wohnung vorgelegt und erklärt, wer die jeweiligen Wohnungen bewohnte. Wohnte in der unaufgeräumten Wohnung angeblich ein Mann – John -, wurde er trotzdem als kompetent, zuverlässig und vertrauenswürdig eingeschätzt. Ein toller Kerl, auch wenn das Geschirr nicht gespült ist.

Hieß es hingegen, dort lebte Jennifer, wurde kein gutes Haar an ihr gelassen. Jennifer hat es einfach nicht drauf – nicht im Haushalt und bestimmt auch nicht als Mutter oder im Job.

Bewohnte John angeblich die gepflegte Wohnung, kannte die Bewunderung für ihn keine Grenzen mehr. Der armen Jennifer hingegen brachte es keinerlei Pluspunkte, eine saubere Wohnung zu bewohnen. Sie ist ja eine Frau, da kann man das schon erwarten.

Für Frauen steht bei der Bewertung ihrer Leistung alles auf dem Spiel: ihr Wert als Mensch, ihr soziales Ansehen, ihre Zugehörigkeit zur Gemeinschaft. Die Vermeidung von Beschämung.

Mit übertriebenem Perfektionismus hat das wenig zu tun.

Kann es uns einfach egal sein, was andere denken?

Mütter von Kindern mit Behinderung haben verstanden, dass sie aufgrund ihrer Abhängigkeit viel weniger als andere die Freiheit haben, sich nicht darum zu kümmern, was andere denken.

Es ist nicht ihr Wunsch, von allen gemocht zu werden, es hat aber vielleicht echte Konsequenzen, wenn sie Ansprüchen nicht gerecht werden. Natürlich kann eine Mutter in der Kita sagen, dass sie keinen Kuchen fürs Sommerfest backt. Aber vielleicht fühlt sich die Erzieherin, die das Kuchenbuffet organisiert, dann weniger motiviert, mit Gebärden zu arbeiten, um ihr Kind besser zu integrieren.

Mental Load stellt eine enorme mentale Belastung dar. Darum sind Ratgeber und Social Media voll von guten Tipps, wie sie sich reduzieren lässt. Versuchen Mütter von Kindern mit Behinderung, ihre mentale Last zu reduzieren, stellen sie oft fest, dass eine neue Belastung hinzukommt: eine emotionale.

Es kostet Energie, bemitleidet zu werden – weil man wegen der Weglauftendenz den privaten Ausflug der Klasse einfach absagt.

Es kostet Energie, kritisiert zu werden – weil man die Therapiehausaufgaben nicht gemacht hat.

Es kostet Energie, isoliert zu sein – weil das Treffen mit den Kolleginnen einen so großen Organisationsaufwand bedeutet, dass man lieber zu Hause bleibt.

Deshalb strengen wir Mütter uns so an. Und manchmal auch, um uns selbst vormachen zu können, ein ganz normales Leben zu führen.

Woran wir denken könnten, wenn wir kein Mental Load hätten

Das wirklich Gemeine an Mental Load ist, dass sie rund um die Uhr unsere Gedanken kapert. Vor lauter Nachdenken über Fördermaterialien haben wir keine Kapazitäten mehr, um über anderes, ebenso Wichtiges, nachzudenken.

Etwa die Frage, wer wir sind jenseits der ganzen Arbeit, die wir leisten.

Was wir eigentlich wollen – ganz generell und speziell in diesem Moment?

Mental Load ist ein Auswuchs eines Leistungsdenkens, das Menschen grundsätzlich krank macht. Menschen, die ihren Wert durch extra viel Leistung unter Beweis stellen müssen, um Scham zu vermeiden, erst recht.

Hier liegt das Problem, aber hier liegt auch der Schlüssel: Wir können die Gesellschaft, in der wir leben (und von der wir abhängig sind) nicht ändern, jedenfalls nicht einfach so und schon gar nicht allein. Aber wir können versuchen, uns diese Zusammenhänge bewusst zu machen und sie für uns zu nutzen.

Anstatt an die Fördermaterialien zu denken, können wir uns fragen, was wir selbst tun können, um uns zu beweisen, dass wir wertvoll sind – ganz unabhängig davon, was wir leisten. Und dann genau das tun. Schon Kleinigkeiten wie sich Zeit zum Duschen nehmen haben große Wirkung.

Wir können verstehen, dass die Menschen um uns herum – und übrigens: wir selbst auch – so ticken, dass sie ihre Anerkennung denen geben, die viel leisten. Und das strategisch nutzen, indem wir den Kuchen fürs Kindergartenfest backen und beim Bringen der Erzieherin sagen, dass wir uns gerne mit ihr über weitere Möglichkeiten der unterstützten Kommunikation unterhalten wollen. Sie wird in diesem Moment viel offener dafür sein. Und uns hat das Kuchenbacken weniger Energie gekostet, weil es eine bewusste Entscheidung und Ausdruck unserer Gestaltungsmacht war.

Und nicht zuletzt gibt es Methoden, mit denen auch Mütter von Kindern mit Behinderung die Folgen von zu viel Mental Load lindern können: Entspannung, Bewegung, Freundinnen treffen, ein kreatives Hobby. All das hat eine Wirkung, es tut gut, es schenkt neue Kraft und Energie. Es lindert aber nur Symptome und bekämpft keine Ursachen.

Die liegen viel tiefer. Mental Load ist nur ein Ausdruck davon.

Immerhin ein mittlerweile sichtbarer.

Wie sehr leidest du unter Mental Load?

Träumst du auch manchmal von leeren Küchenschränken und anderen bizarren Momenten? Dann hoffe ich, dass du auf diesem Artikel eins für dich mitgenommen hast: Du bist mit deiner Mental Load nicht alleine. Wenn du magst, abonniere meinen Newsletter und werde Teil einer Community aus anderen Müttern, die deine Situation teilen.

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