Die Angst, die bleibt

Vom Wunsch, das eigene Kind zu beschützen - und dem Wissen, dass man es nicht immer kann

“Nicht dass ich wirklich glaube, dass da so was passieren könnte. Aber …”, meine Bekannte hält kurz inne, “vielleicht bin ich manchmal auch sehr naiv.”

Wir unterhalten uns über den Fahrdienst, der unsere Kinder, die beide das Down-Syndrom haben, jeden Tag zur Schule und wieder nach Hause bringt. Irgendwie sind wir dabei auf das Thema Missbrauch gekommen. 

Ich spüre eine tiefe Beklommenheit in mir und würde diesen schrecklichen Gedanken am liebsten weit wegschieben. In die weit entlegene Schublade stopfen, in der ich all die anderen Themen aufbewahre, mit denen ich mich auch nicht beschäftigen will. Das Behindertentestament zum Beispiel.

Meine Bekannte hat recht: Vielleicht bin auch ich zu naiv. Zu gutgläubig und vertrauensselig. Der Busfahrer meines Sohnes ist ein freundlicher Mensch. Aber natürlich kenne ich ihn nur so gut, wie man jemanden kennen kann, den man zweimal täglich für drei Minuten buchstäblich zwischen Tür und Angel trifft.

Ich kann mir “so etwas” auch nicht vorstellen, aber natürlich höre und lese ich über Gewalt, Misshandlung, sexuellen Missbrauch. Gerade Kinder wie meins, die kognitiv eingeschränkt und beinahe nonverbal sind, sind besonders gefährdet. Mein Sohn wäre nicht in der Lage, mir zu erzählen, wenn ihm jemand zu nahe käme. Wenn er sich vor jemandem fürchten, sich in jemandes Nähe unwohl fühlen würde.

Und selbst wenn: Wie oft machen gerade Menschen mit Behinderung die Erfahrung, dass ihnen nicht geglaubt wird?

Zitat: "Wie soll ein Kind mit kognitiver Beeinträchtigung unterscheiden können, welche Berührungen notwendig sind und welche übergriffig?"

Wenn ich von solchen Fällen erfahre, setzt es tief in mir eine urgewaltige Angst in Gang. Die ich nur in Schach halten kann, indem ich mir einrede, dass uns das schon nicht betrifft. Nur: Die naive Annahme, dass manche Dinge nur anderen passieren, hat mir schon einmal laut lachend auf den Rücken geklopft.

Ja, ich möchte vor diesem Thema am liebsten Augen und Ohren verschließen. So weit davon weglaufen, wie ich nur kann. Der Grund ist nicht nur die Sorge um mein Kind oder der Wunsch, es zu beschützen wie eine rasende Wildschweinmutter ihren Frischling. In Wahrheit jagt mir dieser Gedanke vor allem deshalb eine Heidenangst ein, weil er mir vor Augen führt, wie verletzlich mein Kind ist, das mir die Welt bedeutet. Und wie verletzlich das auch mich macht.

Viele tolle Angebote - aber leider nicht für uns

Ich besuche einen Elternabend, auf dem es um Selbstverteidigung und Kinderschutz geht. Dort lerne ich eine Menge und nehme gute Anregungen mit nach Hause. Nur: Die Angst bleibt. Es ist gut, dass das Wissen um Missbrauch heutzutage so weit verbreitet ist. Ich kenne spielerische Angebote für Kinder, in denen sie lernen, sich zu wehren – und das ohne ihnen Angst zu machen.

Auf mein Kind und viele andere, die ebenfalls kognitiv beeinträchtigt sind, sind sie meist  nicht wirklich ausgerichtet. Ich kann mit meinem Sohn nicht üben, dass er laut “Stop” ruft, wenn ihm jemand seine Hand auf den Oberschenkel legt. Im Laufe eines Tages braucht er gelegentlich Unterstützung bei der Körperpflege. Wie soll er unterscheiden, welche Berührung notwendig ist und welche übergriffig?

Wie sollte er sich mir mitteilen? Wenn schon Kinder ohne Behinderung sich aus Angst und Scham oft nicht trauen, von erlebter Gewalt zu erzählen, wie soll es dann ein kleiner Junge tun, der kaum sprechen kann?

Dass Missbrauch und Gewalt auch in seine Seele tiefe Wunden reißen würden, macht den Gedanken noch unerträglicher.

Zitat: "Wie soll ein Kind mit kognitiver Beeinträchtigung unterscheiden können, welche Berührungen notwendig sind und welche übergriffig?"

Alle Eltern kennen diese Angst um ihre Kinder. Heute werden endlich Schritte unternommen, um diese Angst in Gegenmaßnahmen, in Schutzstrategien umzuleiten, indem aufgeklärt, informiert und sensibilisiert wird. 

Zurück bleiben aber die Kinder, die aus der Norm fallen. Und das, obwohl ihre Gefährdung besonders hoch ist. Sie und ihre Familien bleiben allein. Wieder einmal.

Teilhabe hat einen Preis: vertrauen müssen

Wer Teilhabe für sein Kind möchte und seine Entwicklung nach Kräften fördert, muss Vertrauen haben. Wir Mütter und Väter müssen unsere Kinder loslassen, immer wieder. Morgens an der Kitatür, am Tag der ersten Klassenfahrt und auch wenn wir sie in Kurzzeiteinrichtungen geben. Wir können das nur, wenn wir das Gefühl haben, dass sie in guten Händen sind. Beim pädagogischen Personal, bei Therapeutinnen, beim Fahrdienst.

Unsere Kinder benötigen Hilfe. Doch die geht einher mit dem Gefühl der Machtlosigkeit, das wie Blei im Magen liegt. Dieses Vertrauenmüssen fühlt sich nicht gut an. Und es fällt erst recht schwer, wenn man bereits Schmerzhaftes durchstehen und als es darauf ankam, erfahren musste, dass man sich in Menschen auch täuschen kann.

Diese immer präsente Sorge um unsere Kinder ist etwas, das sich nicht abstellen und nicht ändern lässt. Und das dennoch getragen werden muss. Leichter wird es, wenn man trotz allem den Glauben nicht verliert, dass die meisten Menschen gut sind. Und gleichzeitig nicht in jene blinde Naivität abzudriften, von der meine Bekannte sprach. 

Wer überall Gefahren lauern sieht, verhindert womöglich die Teilhabe des eigenen Kindes.

Wer vor Unangenehmem lieber die Augen verschließt, setzt vielleicht sein körperliches und seelisches Wohlergehen aufs Spiel.

Was helfen könnte, ist das Wissen darum, was es Tätern leichter macht: ein Umfeld aus Schweigen, Nichthinsehen, Tabuisieren.

Neben Vertrauen ist also das wahrscheinlich der Schlüssel: mit anderen sprechen, auch über die eigenen Ängste. Hinschauen und sich nicht abwimmeln lassen, wenn das Bauchgefühl Alarm schlägt. Das Tabu brechen und damit dazu beitragen, dass die Scham die Seite wechselt. Auch hier.

Die Angst bleibt. Aber vielleicht wird sie auf diese Weise klein genug, dass wir unsere Kinder mit gutem Gefühl loslassen und dass sie teilhaben dürfen an all den guten Dingen dieser Welt.

Auch wenn die Angst bleibt - du musst sie nicht alleine tragen

Oft hilft es schon zu wissen, dass andere ähnliche Herausforderungen haben und deine Sorgen teilen. Wenn du dir diesen Austausch wünschst, lade ich dich ein, meinen Blog zu abonnieren. So erhältst du in regelmäßigen Abständen meine Texte – über all die Dinge, die nur Mütter von Kindern mit Behinderung verstehen. Sei dabei, ich freue mich auf dich! 

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